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Über Orts- und Familiengeschichte: Zu einigen Fragen - die jüdische Familienforschung betreffend

Zusammenfassung zum Vortrag am 12.02.2003
Referent: Dr. Andrea Lorz

3 Ausgangs-Fragen aus eigenen Erfahrungen (Referentin ist keine Genealogin!):

  • Ist es berechtigt, von jüdischer Familienforschung zu sprechen? Ist dies nicht Ausgrenzung - selbstgewählt und fremdbestimmt?
  • Was unterscheidet die Jüdische Familienforschung von der Forschung in und zu nichtjüdischen Familien?
  • Warum erlebt heute die jüdische Familienforschung einen regelrechten Boom? (Verweis auf zunehmende Anfragen, vor allem aus dem Ausland, wo die dritten und vierten Generationen in dem Fall der ehemaligen Leipziger leben)

Zur Notwendigkeit jüdischer Familienforschung in Vergangenheit und Gegenwart

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Familienforschung für jüdische Familien unbekannt.
Es gab zwar zahlreiche Geschlechterregister (Toledot), aber Familienforschung in unserem Verständnis wurde fast nur von Rabbinerfamilien aus Traditionsbewußtsein betrieben.
Erst bei einsetzendem Verfall des althergebrachten jüdischen Familienlebens im überliefertem Verständnis erwuchs eine moderne Familienforschung durch Studium der geschichtlichen, kulturellen, hygienischen eugenischen Bedeutung der jüdischen Familie.
Grundlage hierfür war/ist die Kenntnis der genealogischen Zusammenhänge durch Anlage von Stammtafeln, Aufbewahrung, Registrierung und Durchforschung aller Dokumente Chroniken, Testamente usw.
Der Förderung der Familienforschung und Sammlung allen familienkundlichen Materials diente die Gesellschaft für jüdische Familienforschung, Berlin W 35, Lützowstraße 60, gegründet 1924 von Arthur Czellitzer.
Es gab dazu ein großes Archiv und die Gesellschaft gab vierteljährlich die "Mitteilungen zur jüdischen Familienforschung" mit einem Suchblatt zur gegenseitigen Unterstützung bei der genealogischen Arbeit heraus.

Bei Juden ist die Familie ein Angelpunkt des Lebens. Nicht selten war das der einzige Bereich, wo sie keinen Anfeindungen oder Verfolgungen (von den "üblichen" familiären Zwistigkeiten waren jedoch auch jüdische Familien nicht frei, doch davon soll hier nicht die Rede sein) ausgesetzt waren. Die Familie war der "schützende Schoß". Die Familie hat die Juden als Volk ohne eigenes Land, ohne eigene Sprache (hebräisch als Religionssprache war ja nur den streng religiösen Menschen geläufig) zusammengehalten. Die Ehre des Alters, der Eltern, der innerfamiliäre Zusammenhalt, die innerfamiliäre Unterstützung, die den Begriff Familie dabei sehr weit faßt, nimmt im jüdischen Familienleben einen hohen Stellenwert ein. Das kommt bereits in der Art und Weise zum Ausdruck, wie der Shabbat begangen wird - als Familienfest, das jedoch Gäste nicht ausschließt. Dieser familiäre Aspekt wurde aber durch die allgemeine gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung einer Wandlung unterzogen.
Die Klammer der Familie lockerte sich durch den Prozeß der Industrialisierung auch in den jüdischen Familien. Die Familientraditionen mußten sich neu orientieren. Die Juden wurden immer mehr zu einem "Stadtvolk". 1925 wohnte die Hälfte aller deutschen Juden in Berlin! Durch diesen "Wanderungsprozeß" kannten die Enkel z.B. ihre Großeltern nicht mehr, Kinder und Eltern wohnten weit weg voneinander, Zusammenkünfte waren vor der allgemeinen motorisierten Mobilität nur noch zu hohen Feiertagen möglich. Man wußte immer weniger voneinander. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit schwand allmählich, glich sich der allgemeinen Entwicklung an. Das bedeutete aber auch: Mündliche Überlieferungen, die Familiengeschichte betreffend, waren nicht mehr möglich, man hatte keine gemeinsamen Familienerlebnisse mehr. (Auf die jetzt lebenden Generationen übertragen heißt das auch: Man hat keine gemeinsame Sprache mehr, die Enkel/Urenkel verstehen nicht die Sprache der Großeltern oder Urgroßeltern.
Auch die zunehmenden Konvertierungen erweisen sich bis heute als problematisch für eine gründliche Familienforschung. Die Papiere, die auf die jüdischen Wurzeln hinwiesen, wurden oft genug vernichtet, ebenso Familienpapier, -Chroniken, Reliquien, Kultgegenstände.
Heute ist es kaum noch möglich, bei solchen Familien den "Weg zurück" aufzuspüren, selbst wenn man die verheerenden Folgen des Holocaust einmal nicht beachten müßte.
Das bedeudet nicht nur einen individuellen Verlust, sondern einen für das gesamte Judentum. Die in der Mitte der 20er Jahre geschaffene Gesellschaft für jüdische Familienforschung versuchte zu retten, was noch zu retten war.

Im Mittelpunkt der Arbeit zu FF stand bis ca. 1935 das von der Gesellschaft für jüdische Familienforschung gegründete Familienarchiv.

Dort wurde, wie das üblich ist

  • Familienchroniken, (gedruckt oder handschriftlich);
  • Aufzeichnungen oder Erlebnisse besonderer Art (Kriegsheldentum, Firmenjubiläen von Familienfirmen, die auf Grund besondere Taten von Familienmitglieder möglich waren usw.);
  • Alltagsschicksale (Heute besonders vermißt);
  • Lebensbeschreibungen und Memoiren
  • Stammtafeln (nicht Stammbäume) , da aszendent (Vorfahrenbeschreibung) oder deszendent (Nachfahren)- beschrieben möglich.

Bei Stammtafeln muß der Zeitraum mindestens 100 Jahre umfassen, bei Ahnentafeln ca. 4 Generationen zurück. (Eine Generation wird mit ca. 30 Jahren berechnet.)

Bei Deszendenztafeln (Vom Stammvater die Nachkommenschaft) muß der "Stammvater" vor 1806 geboren sein, dem Beginn der obligatorischen Annahme von Familiennamen in Westeuropa.
In jedem Fall also bilden die Urgroßeltern den Schwerpunkt der Betrachtungen.

In einer Deszendenztafel mußten alle Nachkommen lückenlos aufgeführt werden, auch die Töchter und ihre Nachkommen. Insofern gibt es keine "ausgestorbenen" Familien.

Die Herkunft der Daten war und ist so vielfältig wie kompliziert.
Zum Einen: bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts wurden die Forschungen durch fehlende (Familien)-Namen erschwert;
Zum Zweiten: Für das sog. Schutzjudentum gab es besondere Judenakten, die zwar vorhanden, aber schwer zugänglich waren und sind.
Weiterhin ist zu beachten: In den Jahren der Namensgebung wurden wieder neue Akten angelegt, z.T. auch in Kirchenregistern.
Die Schreibweise der Namen war nicht einheitlich, ebenso die Erfassung der Daten der jeweiligen Personen. (z.B. Heine - Heyne; Joske, Josky, Joski.)

Neben der archivalischen Arbeit gab es bis ca. Mitte der 30er Jahre die Arbeit von Ortsgruppen der oben erwähnten Gesellschaft, die bei der Erstellung von Stammtafeln oder Chroniken half.
Es erschienen vierteljährlich die "Mitteilungen zur Jüdischen Familienforschung", die sich den Problemen jüdischer Familienkunde widmete und entsprechende Aufsätze veröffentlichte. Dem angeschlossen waren sogenannte "Suchblätter". Immer mehr private Initiativen unterstützten diese Arbeit.
Ein jähes Ende erfuhr diese genealogische Arbeit durch den Machtantritt der Nazis.
Zum einen nutzten sie die Kenntnisse aus den Ergebnissen der Arbeiten der Gesellschaft für die Zwecke der Verfolgung der Juden.
Zum anderen war eine systematische Arbeit aus den bekannten Gründen gar nicht mehr möglich.
Und zum Dritten erfuhr das Objekt der Untersuchung, der Erforschung selbst eine Zerstörung. Der Holocaust zerstörte nicht nur die Familienbande, die sich vorübergehend wieder fester schlossen, er vernichtete vielmehr die Familien fast vollständig.
Das stellt uns heute vor die Tatsache, Familienforschung im hergebrachten Sinn und Verständnis bei jüdischen Familien nicht mehr betreiben zu können, sie wirklich als vernichtet (nicht mal ausgestorben bezeichnen zu müssen), ihre Familiengeschichte als beendet betrachten zu müssen und die Geschichte meist auch nicht wieder aufnehmen zu können. Es gibt inzwischen nicht mehr nur die Enkelgeneration, die ihre Großeltern nicht persönlich kennt wie in den Zeiten des Industrialisierungsprozesses, sondern die Generation, die gar keine Großeltern hat.

Insofern ist auch das Interesse zu verstehen, das zunehmend jüdische Familiengruppen wieder an der Geschichte ihrer Familien haben:

  • Wandeln auf den Spuren der Väter in Leipzig
  • Anfragen, wo Lebensorte der Familienmitglieder zu finden sind
  • Anfragen nach dem Verbleib von Familienmitgliedern
  • Anfragen, ob es Grabstellen von Familienmitgliedern auf den beiden Friedhöfen gibt.

Das Interesse durchzieht alle Generationen.

Zu den Familiennamen bei Juden

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurden feste Familiennamen bei den Juden üblich.
Häufigste Namen in Deutschland waren Cohn, Kohn, Cohen, Kahn, Cahn. Diesen Namen trug vor 1935 jeder 30. deutsche Jude (30 pro Mille).
Es folgten

Levy (Levi, Lewy) = 23,2 pro Mille
Mayer (in verschiedener Schreibart)      = 21
Stern }=11
Wolf (Wolff, Wulf) }=11
Strauss }= 11
Rosenthal = 10
Goldschmidt }= ca. 8
Heymann }= ca. 8
Weil }=ca. 7
Rothschild }"
Hirsch }"
Bär (Behr) }"
Levin }"
Salomon } ca. 6
Adler }"
Katz }"
Rosenberg }"
Marx }"
Simon }"
Kaufmann }"

Die Reihenfolge der häufigsten Namen galt nicht für Frankreich, Polen oder England, sondern eben nur für Deutschland.
Im Westen waren Tiernamen häufiger (alte Hausbezeichnungen) im Osten (Provinz Posen z.B.) waren Namen auf -sohn, also Patronymika, besonders oft anzutreffen.
Hier war der häufigste Name Jakobsohn (4,3).
Auch Ortsnamen, wie Opppenheimer (= 4,4), Schlesinger (3,0), Friedländer (=2,9), Wertheimer (=2,6) gab es häufig.

Namen entstanden ebenfalls aus Eigenschaften (Groß, Klein, Alt, Neu, Schwarz, Weiß...., die oft mit -mann verbunden waren.
Zu finden sind Tiernamen, die im Jakobssegen heiligen Namen entsprechen, wie
Juda= Löwe
Benjamin= Wolf
Naftali = Hirsch

Es gibt auch Ableitungen von Kosenamen wie Koppel (von Jakob), Sekkel (von Isaak), Mendel (von Menachem).
Phantasienamen wurden willkürlich gegeben/aufgezwungen. Dabei gab es "schöne" (Rosenblüth, Goldfarb), aber auch herabsetzende, verächtlichmachende, wie Pulverbestandteil oder Affenkraut, oft aus Galizien stammend, dort wie gesagt aufgezwungen.
Abkürzungen oder Zusammenfügungen wie
Katz (Kohen-Zedek),
Segall ( Segan-Lewija)
Bry (Ben Rabbi Israel)
Bach (Bajit chadasch)
Asch (Eisenstadt)
Presch (Frauenstadt)

Ortsnamen wurden aber auch oft umgeformt und dadurch kaum noch erkennbar. Treves = Trier; Orbach, Urbach = Auerbach; Heilborn Heilpern, rus. Galperin = Heilbronn; Lipschitz, Lipschütz = Loebschütz; Spiro, Schapiro = Speyer usw.

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