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Vom Silberlöffel zur Familiengeschichte...

Zusammenfassung des Vortrages „Gegenständliche Quellen für den Familienforscher“, gehalten am 11. Mai 2005 in der Stadtbibliothek Leipzig
Referentin: Martina Wermes (LGG)

Den Mittelpunkt des Vortrages bildeten in Anlehnung an die Volkskunde die zentralen Kategorien Kleidung, Wohnung, Lebensart, Religion, Bräuche und Sitten, Sprache, Musik oder Nahrung. Ihre Einordnung in ein wissenschaftliches System der quellenorientierten, sozialkritischen Volkskunde mit entsprechenden Teildisziplinen und einer universitär verorteten Arbeitsweise bieten Anhaltspunkte für eine Applikation der Erkenntnisse für die historische Hilfswissenschaft Genealogie.

Dingliche Relikte / Realien / bewegliche Sachen als Produkte menschlicher Arbeit

Mobil Immobil
Arbeitsgeräte Haus
Möbel Hof und Land
Hausrat Kirche und Kapelle
Kleidung Fabrik
Volkskunst Denkmal

persönliche Sachzeugnisse (Beispiele)
Bilder, Fotos, Filme
Petschaft, Siegel, Wappen
Grabstein, Grabplatte, Familiengruft

Sachgebiete der Volkskunde

  • Hausforschung (Siedlungsformen, Bauweise, Hausgeschichte, Hausgeographie)
  • Wohnen (Innenarchitektur, Mobiliar, Inschriften, Hausmarken, Schlusssteine, Glasmalerei)
  • Geräte (Hausgeräte, Kirchengeräte, Musikinstrumente)
  • Arbeitsgeräte (dörfliche oder handwerkliche Arbeitsgeräte, Waffen, Rüstungen)
  • Kleidung (Trachten, Mode, Schmuck, Wäschekennzeichnung)
  • Nahrung (Eßgewohnheiten, Esskultur, Tischgeschirr, Besteck, Tischsitten)
  • Medien (Zeitungen, Bücher, Bilder, Fotos, Filme, Videos, CDs etc.)
  • Lieder und Musik (Volkstanz, Volkslieder, Hausmusik)
  • Sprache (Dialekte, Sprachformen, Verbreitung)
  • Brauchtum (Kalender, Religion, Heilkunde, Sammlungen- Steine, Reiseandenken etc.)
  • Familie (Tagesabläufe, Arbeitsteilung, Feste im Lebenszyklus, Zuwendungsformen)

Nach einem kurzen historischen Abriss der Entwicklung der Volkskunde mit Hinweisen auf die Anfänge im 18. Jh., z. B. in dem Werk von Ch. W. J. Gatterer (1759-1838) oder bei F. Friese, Konrektor zu Altenburg (1668-1721) wurde unter diesem Blickwinkel die Entstehung der Geschichts- und Altertumsvereine nach 1830 analysiert. Daran anknüpfend wurde der Bogen über den Missbrauch der Volkskunde in der NS-Zeit bis in die heutige Zeit als empirische Alltagswissenschaft gespannt.

Für die Genealogen sind gegenständliche Dinge ihrer Vorfahren Zeugnisse ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt. Sie implizieren immer Werte, persönliche Einflussnahme, Auswahl, Ablehnung oder Beförderung von Dingen. Sachgegenstände oder gegenständliche Quellen bilden daher immer Mosaiksteine von Handlungskomplexen im Familienalltag. Mit der Suche nach diesen Quellen versucht der Familienforscher, sich ideell in eine andere Zeit, an einen anderen Ort und in andere Lebensumstände zurückzuversetzen, die seine Familie geprägt und geformt haben. Dabei ist es möglich, dass durch die Faszination des Originals Interesse, Verständnis und Forscherdrang geweckt oder verschüttete Informationen und Hilfestellungen freigesetzt werden.

Grundsätzlich können für den Familienforscher alle Gegenstände zur Quelle werden.

Aus diesem Grund sollte zu jedem Relikt seine Geschichte, Funktion und Erscheinung genau untersucht werden, sollte man zu jedem Gegenstand, ebenso wie bei den schriftlichen Quellen, konkrete Fragen nach dem Ursprung, der Entstehung, Herstellung und Entwicklung, der Verbreitung, der Anpassung oder Veränderung, der Rezeption, der Weitergabe stellen und dabei die Verwandtschaft und die Familie interviewend einbeziehen. Durch gezielte themenorientierte Fragen, durch die Einbeziehung von Fotos sollte man anregen, zu erzählen. So manche Geschichte zu einem Säbel, einem Uniformknopf, zu einer gestickten Decke oder zu einer Wäschetruhe kann man so aufnehmen und später in seiner Familiengeschichte verarbeiten. Bei der Dokumentation der Erkenntnisse zu einer gegenständlichen Quelle sollte der Familienforscher systematisch vorgehen:

Dokumentation zur gegenständlichen Quelle

  • Aufnahme (Foto, Skizze, Zeichnung) und Aufmaß (auch aus verschiedenen Perspektiven)
  • Beschreibung des Objektes (Material, Alter, Schäden, Erhaltungszustand, Aufbewahrungsort, Beschriftung)
  • Bezeichnungen (mündlich, schriftlich, auch in chronologischer Abfolge)
  • Funktion (Arbeitsvorgang, abweichende Verwendung, damit verbundene Arbeitsleistung/Mengenbearbeitung)
  • soziale Einordnung
  • geschlechtsspezifische Einordnung
  • Herstellung des Gegenstandes (Entstehungszeit, auch Reparatur)
  • Besonderheiten (Geschenk, angepasst an bestimmte Person)
  • Dingbedeutsamkeit für die Familie (Spitznamen, Analogien)
  • Geschichte (seit wann in Benutzung, seit wann nicht mehr in Benutzung)
  • Verbreitung (Hof, Ort, Region- eventuell mit Fotos zu belegen)

Nicht alle Punkte können bei der Erfassung gegenständlicher Quellen der Vorfahren abgearbeitet werden, sie sollten jedoch als Orientierung dienen.

An einzelnen Beispielen aus dem familiären Umfeld wurden nun die Möglichkeiten der Einbeziehung solcher Sachzeugnisse in die Familiengeschichte erläutert. Besonders anhand der Wäsche und Kleidung spiegeln sich Wertesymbole, Rollenverhalten, zeit-, orts- und anlassgebundene Faktoren wieder. Es gibt individuelles und gesellschaftlich dominiertes Kleidungsverhalten, die Symbolhaftigkeit von Wäschestücken ist ebenso zu beachten, wie Modeleitlinien und Modevorstellungen. Verbunden mit Kleidung waren und sind auch immer Lebensumstände sowie reale Tätigkeiten, wie Herstellen, Tragen, Flicken oder Umarbeiten, Reinigen, Waschen, Verbrauchen oder Entsorgen. Das Monogramm als zweckgebundenes Eigentumszeichen in der Unterwäsche, der Haushaltwäsche oder den Strümpfen belegt ein anderes Verständnis von langlebigem Gebrauch, von Urheberschaft und Eigentumsstolz.

Eine Tasse zum 70. Geburtstag des Urgroßvaters mit Inschrift, eine Wäschetruhe mit Monogramm, geschenkt bekommen zur Hochzeit, Monogramme auf Besteckteilen oder Servietten, eine Jahreszahl am Torbogen und ein Sinnspruch über dem Hauseingang, Stickereiübungen mit Namen und Jahreszahlen- all diese Dinge, die im Detail vorgestellt wurden, haben eine Geschichte, der man auf die Spur kommen muss, die eine Familiengeschichte bereichern können. Ihr Gebrauch erzählt von einer anderen Zeit, als der Gebrauch noch im Vordergrund stand, nicht der Konsum, als die Dinge noch einen hohen Anschaffungswert hatten und damit auch so lange wie möglich repariert und erst entsorgt wurden, wenn sie keiner sekundärer Verwendung mehr zugeführt werden konnten.

In dem Nichtschriftlichen, dem Gegenständlichen steckt Hand- und Kopfarbeit, oft zusammengefasstes Wissen der Vorfahren oder Erblast der Abstammung. Der Erzeuger oder Besitzer dieser Dinge stand am Ende einer Kette von mündlichen oder schriftlichen Überlieferungen, er verwendete das überlieferte Wissen, passte es seinen Bedürfnissen an, prägte das Ganze selbst durch seine individuelle Einflussnahme. In diesem Sinne kann man fragen, warum gegenständliche Quellen immer nur an große Persönlichkeiten erinnern sollen? Auch der Familienforscher kann seine Familie authentischer in ihre Geschichte entführen, wenn er gezielt gegenständliche Quellen neben den schriftlichen Quellen „zu Wort kommen“ lässt.

M. Wermes


Quellen:

  • Rolf W. Brednich, Grundriss der Volkskunde. 3. überarb. u. erw. Aufl., Berlin 2001.
  • Hans Klecker, Von der Wiege bis zur Bahre. Geburt, Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Speisen und Trachten in der gebirgigen Oberlausitz. Waltersdorf 1994.
  • Wörterbuch der Völkerkunde, Berlin 1999.
  • Aufriss der Historischen Wissenschaften, Bd. 4: Quellen. Hsg.: Michael Maurer, Stuttgart 2002.

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